Gesegnet der Mann

Fast vierzig Jahre ist es nun her. Der Jahrgangsstufenverband hatte sich nach dem Abitur aufgelöst, und wir alle gingen unserer Wege. Für uns Jungs erstmal zu mehr oder weniger fröhlichen Geländespielen bei der Bundeswehr. Ein letzter Aufschub für diejenigen, die noch nicht so genau wussten, welchen Berufsweg sie einschlagen wollten. Da sich meine Vorstellungen über den weiteren Weg noch recht vage gestalteten, war es ein guter Aufschub.

So schob sich also ein mit Wehrdienstleistenden vollgestopfter D-Zug durch die Norddeutsche Tiefebene. In meinem Gepäck: Eine Bibel. Aber nicht irgendeine Bibel! Unsere angehenden Theologinnen hatten ihren Freundeskreis mit den Restexemplaren der Jerusalemer Bibel mit der Herder-Übersetzung versorgt. Die Qualität der Sprache und der gründliche Anmerkungsapparat hatten es mir angetan.

Die meisten von uns dösten an diesem heißen Tag in ihren kunststoffbezogenen Sitzen; einige spielten Doppelkopf, andere schmökerten, und möglicherweise besaß der eine oder andere auch schon einen Walkman. Ich blätterte ein wenig wahl- und ziellos in der Bibel, bis plötzlich das Bild des Baumes am Bach in meiner Vorstellung Gestalt annahm. Mitten in einer Einöde verdorrten Gestrüpps stand er da in unverschämter Schönheit, und der grüne Wipfel spendete Vögeln und Eichhörnchen Schatten. Sein Wurzelwerk reichte weit verflochten bis in die feuchten Gründe des nahen Baches herab – eine paradiesische Vorstellung für den durstigen jungen Mann in seinem nicht klimatisierten Zugabteil.

Banias, Wasserfall bei den Jordanquellen, Bild: ©LevT bei Adobe Stock

»Gesegnet der Mann, der sich auf Jahwe verlässt und dessen Hoffnung Jahwe ist. Er ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bache hinbreitet. Er braucht nichts zu fürchten, wenn die Hitze kommt, sein Laub bleibt immer grün. In einem dürren Jahr macht er sich keine Sorgen, ohne Unterlass bringt er Frucht.« (Jeremia 17,5)

Vielleicht hat sich mir dieses Bild wegen dieses heißen Tages im Zugabteil so sehr eingeprägt, dass es mir zum Lebensmotiv geworden ist. Mitunter vergesse ich, dass es sich um ein Wüstenbild handelt. Es ist ein Bild für angefochtene Menschen; nicht für denjenigen, der sagt: »Es wird schon irgendwie gut gehen!« Es ist ein Bild für die Dürre, ein Bild für das Leben, wenn alles dem Leben entgegensteht. Das Bild verneint nicht die Existenz dürrer Tage, aber es verheißt das Fruchtbringen auch in bedrängter Zeit.

Ich habe nach diesem Tag im Zugabteil noch ein paar Jahre gebraucht, um mir bewusst zu werden, dass Gott selbst der Bach ist, aus dem wir schöpfen können. Ich gestehe, in dieser heutigen, so absurd anmutenden Zeit muss ich oft meine inneren Wurzeln herabstrecken, um mich zu vergewissern, ob dieser Bach noch fließt.

Ein biblisches Bild steht immer in Zusammenhang seiner Zeit. Jeremia hatte vielleicht zu Beginn des Babylonischen Exils die Bundestreue Judas vor Augen, die er gefährdet sah. Aber über den konkreten geschichtlichen Kontext hinaus spricht die Heilige Schrift auch zu mir, und der jeweils eigene Weg mit der Schrift ist auch ein wertvoller Auslegungsweg. Das führt zu der Frage, mit welchen Wurzeln ich denn zu dem reich gefüllten Bach hinabgelange?

Einen Antwortversuch darauf möchte ich mit den Worten Frère Rogers, des Priors der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé wagen: »Selig wer sich dir ganz überlässt, o Gott, im Vertrauen des Herzens. Du bewahrst uns in der Freude, der Einfachheit und der Barmherzigkeit!«


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