Die draußen stehen, sind unsere Brüder

Langenzenn, Stadtkirche Hl. Augustinus, ca 1440/50, Photo: Wolfgang Sauber, Quelle Wikipedia

Remedium gegen Ausgrenzungsphantasien aller Art:

»Vor allem ermahnen wir euch, dass ihr Liebe habt: nicht allein untereinander, sondern auch zu denen, die draußen stehen, ob sie nun Heiden sind, die noch nicht an Christus glauben, oder, von uns geschieden, sich zwar zum Haupt bekennen, aber vom Leib getrennt sind. Wir wollen um sie trauern wie um Brüder; denn ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, sie sind unsere Brüder. Nur dann hören sie auf, unsere Brüder zu sein, wenn sie nicht mehr ›Vater unser‹ sagen.«

Augustinus, aus einer Auslegung zu Psalm 32
(Die Lesung ist der zweiten Lesung des Montags der 16. Woche im Jahreskreis II entnommen.)

Nicht ihr habt mich erwählt …

Photo by Rachel Moore on Unsplash

Das Internetportal der Deutschen Bischofskonferenz bittet seine Facebook-Follower, 1.000 Zeichen zu der Frage abzuliefern, warum sie noch in der Kirche bleiben:

Doch viele Menschen bleiben bewusst und gerne in der katholischen Kirche. Falls Sie zu diesen Menschen gehören: Was bindet Sie an die Kirche? Warum ist es Ihnen wichtig, in der katholischen Kirche zu bleiben?  (katholisch.de auf Facebook)

Bevor mich allein schon die Frage aufregt (Jodeldiplom), stelle ich mich der Why-Are-You-Still-In-The-Church-Challenge. Eigentlich könnte man genauso den Karpfen fragen, warum er im See bleibt und es sich nicht statt dessen in der Wüste gemütlich macht. Aber offensichtlich ist es für den Fragesteller doch nicht so selbstverständlich, dass einer, der einmal zur Kirche gehört, weiterhin in ihr bleibt. Es gibt viele Gründe zu gehen, doch nur einen Grund zu bleiben: Die Zugehörigkeit zur Kirche ist nicht meine Wahl oder meine Initiative. Sie ist lediglich meine Antwort auf eine Einladung.

»Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.« (Joh 15,16)

Aus eigenen Kräften hätte ich die Frage, welcher Lebensphilosophie ich mich anschließen sollte, nie eindeutig klären können. Der bohrende Zweifel, ob das denn jetzt alles so richtig sei, ob ich mich tatsächlich einer Glaubensgemeinschaft anschließen könne, ob Glauben oder Werte der Kirche überhaupt eine Option für mich sein könnten, hat mich in der Zeit der ersten, bewussten Suche nach einem Lebenssinn nie verlassen. Zu dieser Zeit hätte mich ein Lüftchen von der Kirche wegblasen können. Und um wieviel mehr die Skandale und innerkirchlichen Streitereien, die heute aufbrechen. Dass ich trotzdem immer wieder auf Jesus Christus stieß, sehe ich nicht als Zufall an. So tauchen in meiner Erinnerung Bilder und Szenen auf, die dreißig Jahre zurückliegen.

Auf dem Katholikentag in Düsseldorf: Ich sehe eine Pinnwand voller Gebetszettel. Ich bin überrascht, dass es Menschen gibt, die Gott etwas anvertrauen.

Ich sehe mich noch heute in einer kleinen Bauernkapelle im Emsland. Captain Wright, unser amerikanischer Austauschoffizier, schlägt ein paar Töne auf der Orgel an: Eine Freude, eine Ahnung.

Auf dem Mont Sainte Odile in den Vogesen. Ich öffne abends die Kapellentür; die Gemeinde kniet vor der Monstranz. Anbetung hatte ich vorher nie erlebt. Was tun all diese Leute, ohne dass irgendetwas geschieht? Ich schweige vor dem Licht, vor der Gegenwart, die von dem Altar ausgeht.

Das erste Gespräch mit einem Pfarrer, der mir die unbequemste aller Fragen stellt: Was willst du mit deinem Leben? Er rät mir, es einmal mit dem Vertrauensvorschuss auf Gott hin zu versuchen.

Und irgendwann, nach Jahren, kommt dann Jesus Christus selber. Ich erhalte das Zeichen, um das ich nicht gebeten habe. In einem einzigen Augenblick weiß ich um seine Gegenwart, und ich weiß, dass ich nicht mir selbst gehöre. Ich schreibe an diesem 5. Dezember 1987 in mein Tagebuch: »Er will in sein Eigentum zurück.« Fragend nehme ich die Bibel in die Hand, weiß nicht, wo ich zu lesen anfangen soll und versuche es aufs Geratewohl.

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn einer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und Mahl mit ihm halten und er mit mir. (Offb 3,20)

Er ist es, der mich in die Kirche gerufen hat. Die Kirche ist nicht der Ort, an dem ich meine Weltanschauungen und Gottesideen herausgefordert oder bestätigt finde. Sie ist nicht das angenehme kulturelle Umfeld, die herausfordernde Lebnsphilosophie. Von alldem ist wohl ein wenig dabei. Aber sie ist immer noch das Haus des Lebendigen Gottes, der unverfügbare Raum, der geschmückte Hochzeitssaal. Wo sie brüchig ist, da sind Menschen am Werk, und wo Menschen sie auf ihre Ebene herabziehen wollen, erscheint sie kraftlos und matt.

Was die Kirche wirklich ist, erlebe ich in den Sakramenten. Die Beichte macht mich neu, auch wenn der Holzwurm sich leise durch den Beichtstuhl schmatzt. In der Eucharistie empfange ich Jesus Christus, auch wenn das priesterliche Messgewand, das ich vorsichtig anhebe, schon bessere Tage gesehen hat.

Also schreibe ich: »Ich bin gerufen. Und in der Mitte ist Jesus Christus.«
(Und damit benötige ich eigentlich nur 50 Zeichen, inklusive Leerzeichen.)

Drei Dinge zu Notre Dame

Notre Dame. Drei Dinge sind mir wichtig. Zum einen (gilt für Christen) – ja, da ist ein Recht und eine Priorität Gottes. Es schaudert mich, wenn ich dran denke, wer zuerst die Priorität des Sozialen über den Gottessohn gestellt hat. (Und sich selber nicht daran hielt!)

Zum zweiten: Auch für den Nichtglaubenden könnte es eine Übereinstimmung darin geben, was zum Kulturgut eines Landes gehört. Vor siebzig Jahren, als es noch keine Tankstellen voller überflüssigen Genusskrempel gab, war man sich darin einig, die Dome und Kathedralen wieder aufzubauen, die in Schutt und Asche lagen. Ich staune über die Bereitschaft, jede Form von Zivilisiertheit hinter sich zu lassen, die gewisse lautstarke Meinungsspender in der Debatte zeigen.

Zum dritten: Bei jedem spendenbasierten Werk gibt es die erste Phase großer Anteilnahme und Spendenbereitschaft. Für die Fundraiser wird es DANACH schwierig. Wenn das Ding läuft, die Kosten immer noch anfallen, aber die öffentliche Anteilnahme sich anderen Themen zuwendet. Wer die Schwierigkeiten bereits laufender Spendenprojekte mit der spontanen Hilfsbereitschaft für die Kathedrale von Paris vergleicht, vergleicht Äpfel mit Birnen.

Viertens – vier Dinge sind mir wichtig: Die sollen einfach alle mal die Fresse halten.

Bischofsrant

Im folgenden ein als Kommentar geschriebener persönlicher Rant zum Bericht »Kardinal Marx ruft angesichts der Kirchenkrise zur Reinigung der Kirche auf«.

Ich denke, es ist vielleicht sinnvoll, darüber nachdenken, ob die »Kirchenkrise« nicht vielleicht doch eher eine Krise des Episkopats ist. Ich widerspreche jedem Versuch, das Versagen bei der Ausübung der priesterlichen und bischöflichen Machtbefugnisse auf die Kirche als solche, also auf das Volk Gottes abzuwälzen. Das bedeutet nämlich, den ohnehin Betrogenen zu sagen, sie trügen Mitschuld am Dreck eines abgefallenen Klerus.
Ich widerspreche jedem Versuch, Ehelosigkeit (als solche) für den Missbrauch verantwortlich zu machen. Das ist ein Schlag ins Gesicht derer, die den freiwilligen oder durch Umstände auferlegten Eheverzicht mit Christus leben. (Nicht als hätte Kardinal Marx so etwas behauptet; aber es schwingt zumindest im Subtext bischöflicher Äußerungen mit.)
Ich widerspreche jedem Versuch, die vielzitierte »Sexualmoral der Kirche« als etwas darzustellen, das man nach Gutdünken, unter dem Druck der öffentlichen Meinung, aus Eigeninteresse oder unter Berufung auf ominöse »wissenschaftliche Erkenntnisse« anpassen oder ändern könne. Ich bitte die Bischöfe inständig darum, die Heiligsprechung Papst Johannes Pauls II im Jahr 2014 nicht als ein »Wegloben« des unbequemen Mahners zu verstehen, sondern als Einladung, sich intensiver mit seiner Lehre vertraut zu machen.
Ceterum censeo – nicht, als sei etwas anders behauptet worden: Ordinatio Sacerdotalis ist Bestandteil des unfehlbaren Glaubensgut der Kirche. Alle Gläubigen haben sich endgültig daran zu halten. Wer widerspricht – und sei er der Erzbischof von Bielefeld –, stellt sich damit außerhalb der Katholischen Kirche auf.

(Abgesehen von seinem priesterlichen Dienst würde ich schreiend das Weite suchen, wenn Kardinal Marx mich »reinigen« wollte.)

Of Hobbits and Stewed Rabbit

  
There is a connection between the very first beginning of The Hobbit and Frodo‘s and Sam‘s rest in Ithilien.

Tolkien‘s famous very first words as written down on a student‘s paper were »in a hole in the ground there lived a Hobbit«. In German I first read »In einem Loch im Boden lebte ein Hobbit« – and there is nothing extraordinary about these words. It just seems to be an invention. The start of a playful story.
But the thought struck me that »in a hole in the ground there lived a RABBIT« would be an everyday sentence. And considering the authors sense of humor and his creative game with language I can easily imagine how much he loved transforming an everyday meaning into something beautiful, mysterious and funny by just changing two letters: Hobbit!
When the story line grew and – like a river – floated into the epic history of Middle Earth there still remained a certain relation between rabbits (the smaller hare) and Hobbits (the smaller people).
In Ithilien the original children story of Bilbo and the dwarves had become a kind of passion tale. And suddenly the darkening story turns into some kind of rest. Frodo and Sam on their way of self sacrifice enjoy a meal provided by the miserable and treacherous creature Gollum: Two stewed rabbits.
A meal which opens the way to the sacrifice (later in Mordor Sam tries to recall the memory of this meal to his master) and at the same time saves their lives by drawing the attention of Faramir’s troups to the Hobbits.
This is a meal of comfort and of rescue.
But it is not a vegetarian, »innocent« meal like eating some bananas. I think it is not by chance that these two rabbits get killed by Gollum. I cannot help but feeling the relief for Sam and Frodo and at the same time the deep pity for those little rabbits which get killed by Gollum in a way I don‘t want to figure out.
Without being allegorical there is such a closeness to the Eucharist. Those two rabbits here really represent the two hobbits giving their lives for those who eat them. 
So they ›got up and ate and drank. Strengthened by that food … they traveled‹ to Mordor. (cf. 1 kings 19.8)

Den eigenen Weg nach unten gehen.

Men going their own way. Hier bei Hieronymus Bosch.

 

MGTOW »Men Going Their Own Way« hieß das fragwürdige Konzept, das im Feuilleton der TAGESPOST vorgestellt wurde – ausgerechnet von einem Autor, der für die Facebookpräsenz dieser nur auf den ersten Blick skurrilen Bewegung zuständig ist.

Wer – abgeschreckt von der Vulgarität – den Artikel nicht zu Ende gelesen hat: Es geht um Männer, die sich aus Abscheu vor Feminismus und allem, was sie als zeitgemäßes feminines Selbstverständnis empfinden, von jeglichem Kontakt zum anderen Geschlecht fern halten und mit unverhohlenem Abscheu über Frauen reden. Gönnerhaft wird den hingerissenen Leserinnen bescheinigt, dass es in den Reihen der MGTOW Männer gäbe (full monks), die sogar darauf verzichteten, die Verachtung der Frau durch Pornographie und sonstigen Missbrauchsformen Ausdruck zu verleihen. Toll, das macht den Mann aus.

Ohne gezielte Steinwürfe kommt der Autor auf der Facebookpräsenz jedoch nicht aus:

»Er war ein aufregender Alpha, sie wollte ein Kind, war aber unsicher, die Abtreibung war ihr zu unangenehm – jetzt also ein weiteres uneheliches Kind einer alleinerziehenden Mutter ohne eigenes Einkommen.« so wertet der Autor Ihres Artikels eine Sünderin unserer Tage (vgl. Joh 8,1-11).

Das Konzept der radikalen Abwendung ist nicht neu. Adam hieß der erste MGTOW-Vertreter. Er hatte nach dem Zweiten Schöpfungsbericht die Aufgabe, den Garten, in den Gott das erste Menschenpaar gesetzt hatte, »zu hüten und zu bebauen« (Gen 2,14). Als Gefahr im Verzug ist und die Schlange ihre Überredungskunst an Eva versucht, ist er seltsamerweise nicht zu sehen. Von Gott zur Rede gestellt, will er sie allein dem Urteil überlassen.

Mir zeigt dieses Detail des Schöpfungsberichtes: Die Geschlechter sind aufeinander bezogen. Ich kann mich nicht verächtlich von fünfzig Prozent der Menschheit abwenden, nur weil ich (vielleicht zur Recht) glaube, dass dieser Teil verdorben ist.

Zum einen bin ich (in Adam) ebenso gefallen. Und diese Geschichte wird für mich nicht besser, wenn ich mich abwende. Und zum anderen haben die Geschlechter eine klare gegenseitige Aufgabe. Sie sollen sich entsprechen und ergänzen.

Ich sehe Adam hier als prophetischen Typus, der in seiner Erlösungsbedürftigkeit auf Jesus Christus verweist, der sich der Sünderin annahm, die Maria Magdalena von Dämonen befreite und der mit der Frau am Jakobsbrunnen gesprochen hat. Und der sich für seine BRAUT, die Kirche, hingegeben hat.

Vor diesem Hintergrund erscheint mir klar: Was als MGTOW mit dem ganzen Charme einer dampfenden Männerumkleidekabine daherkommt, ist in Wirklichkeit eine weitere, unappetitliche Wiederholung der Sündengeschichte des Menschen.

 

 

Lieber Fisch! Gollum! Gollum!

Mondfisch im Ozeanarium Hirtshals / Quelle: Per-Ola Norman – Wikipedia

Ein beeindruckender Geselle im Oceanario von Lissabon – aber auch sehr melancholisch, wie er seine Runden durch Europas größtes Meerwasseraquarium zog. Bis zu drei Meter wird dieser Knochenfisch lang. Verglichen damit ist der Lissabonner »Mühlstein« (Zool.: Mola Mola) noch ein kleines Hündchen.

Hier noch die historische Aufnahme mit eines enormen Exemplars dieser kuriosen Gattung, den kalifornische Fischer 1910 an Land zogen.

Ein 1910 vor der kalifornischen Küste bei Santa Catalina Island gefangener Mondfisch. Quelle: Wikipedia

Reformwünsche eines Drahtesels

Heute war ich mit dem Fahrrad unterwegs. Ich habe es nicht bereut: Der Südring hatte nur eine Spur frei, die Fleher Straße war gesperrt, Volmerswerther und Aachener Straße völlig dicht. Sogar die Wohnstraßen dazwischen waren verstopft. Nichts, wirklich nichts ging mehr. Als Radfahrer konnte ich die wartenden Kollegen huldvoll grüßen und hoffnungsvoll dem Ziel entgegenstrampeln.

Auch in der Kirche wird mitunter das Bild vom Reformstau bemüht. Darin kommt die Kirche nicht von der Stelle, tritt sich selbst auf die Füße, verbraucht Sprit, verpestet die Luft, hält die Leute auf: Nichts geht mehr. Wenn es doch anders wäre! Wenn doch die Kirche demokratischer wäre! Oder spiritueller! Oder noch ein wenig von ihrem alten, barocken Glanz hätte! Oft stehen völlig entgegengesetzte Vorstellungen im Raum, wie Kirche sich zu ändern habe, damit sie wieder glaubwürdig sein kann. Und viele sind sehr plausibel.

»Ihr steht nicht im Stau, ihr seid der Stau«

Wer lange im Stau wartet, kann versucht sein, die Wartezeit den anderen Autofahrern zuzuschreiben, oder den Stau als eine soziale Naturgewalt zu sehen, der man sich selber zähneknirschend unterwirft. Tatsächlich bin ich aber auch Verursacher.

Genauso kann ich es dem »Bodenpersonal« in die Schuhe schieben, wenn ich beginne, an Gott und der Welt zu zweifeln. Mit denen hapert es dann. Ich selber bin fein raus, denn ich stehe ja im Stau. Ich kann nur darauf warten, dass es weitergeht. Hier kommt dann der Drahtesel ins Spiel. Denn das erste Wort, das Jesus laut Markusevangelium an die Menschen richtet, lautet nicht »Verbessert die Umstände!« sondern »Kehrt um« oder vielleicht auch »Denkt um!«

Wenn es also mit dem Glauben nicht so rund läuft, kann es sein, dass der eigentliche Reformstau nicht außerhalb meiner selbst liegt, sondern in mir. Dass ich keine Reformationsfeierlichkeiten und keinen Gegenreformatorischen Eifer benötige, um Gott neu zu finden, sondern einfach nur einen Wechsel des Verhkehrsmittels.

Ab jetzt kann ich mir nur wünschen, es wären wenigstens einige der folgenden Reformvorschläge von meiner Lebenswirklichkeit gedeckt. Aber ich behaupte einfach, es seien die Reformwünsche meines Drahtesels. Dann sind sie vielleicht besser zu ertragen.

Reformwunsch 1
Ich wünsche mir, Jesus Christus besser kennenzulernen. Ich muss beginnen, die Frage nach dem Sohn Gottes existentiell zu stellen. Jesus selber hat seine Jünger gefragt: »Für wen haltet ihr mich?« Vielleicht muss ich es aushalten, die Frage nicht so schnell und so eindeutig beantworten zu können, wie es Petrus damals tat. Weiterfragen. Und wissen: Ich bin mit dieser Frage nicht allein.

Reformwunsch 2
Stille in meinem Leben schaffen. Es gibt den Raum in meinem Leben, der schweigendes Schauen und angeschaut werden ist. Jeder kennt diesen Moment im Gebirge, oder im Verhallen eines Chorstücks. Vielleicht finde ich am Tag wenige Minuten, in denen ich es aushalte, dass sich nichts ereignet, und ich einfach nur in die vermeintliche Leere »hineinwarte«.

Reformwunsch 3
Dem Wort Gottes Raum geben. Eine kurze Schriftstelle aus der Liturgie zu lesen und einen einzigen Satz auswählen, notieren und mit in den Tag nehmen.

 

(Der Artikel erscheint in: bon-i-d; Magazin der Pfarrgemeinde St. Bonifatius, Düsseldorf. Thema des Heftes: Reform)

 

 

 

Was das Leben kostet

Gerokreuz, Kölner Dom; Bildquelle Wikipedia

Wir, die wir es gewohnt sind, vielleicht zu oft »zu billig« in die Erfahrung der Vergebung der Sünden zu kommen, sollten uns manchmal entsinnen, wie viel wir die Liebe Gottes gekostet haben: das Leben Jesu! Er hätte es auch nur für einen einzigen von uns hingegeben. Jesus lässt sich nicht kreuzigen, um Kranke zu heilen, weil er die Nächstenliebe verkündigt, weil er die Seligpreisungen verkündigt. Der Sohn Gottes geht vor allem ans Kreuz, weil er die Sünden vergibt, weil er absolute, endgültige Befreiung des menschlichen Herzens will.

(Papst Franziskus, Generalaudienz vom 9. August 2017)

Keine Reue der Agentin.

Wie das pro-Medienmagazin feststellt, hat sich die Heinrich-Böll-Stiftung  für das öffentliche Denunziationsportal »agent*in« entschuldigt.

Das Wording, mit dem das geschieht, verdient Beachtung.

»Wir bedauern sehr, …«
 
Ja, das ist gut. Bedauern ist allerdings nicht unbedingt Reue. Ich kann das schlechte Wetter bedauern, aber natürlich keine Reue darüber empfinden. Das Portal »agent*in« ist über die Heinrich-Böll-Stiftung gekommen wie das schlechte Wetter.
 
»… dass durch die gewählte Form manche …«
 
Es wird hier die Form angesprochen. Der Inhalt selber, die Denunziation, bleibt ungereut. Es ist nur die falsche Form gewählt worden: Denkbar wäre auch eine Form, in der die denunziatorischen Inhalte nur registrierten Usern zur Verfügung gestellt werden. Kostbar ist immer dieses Pronomen »manche«. In der postmodernen Entschuldigungskultur ein sicherer Hinweis darauf, dass jede Kritik am eigenen Vorgehen marginalisiert wird. Nur »manche« bedeutet: Das ist auch ein stark subjektiver Vorgang bei euch. Was tun denn diese »manche«? Sie werden »erinnert«:
 
»… an antidemokratische Methoden erinnert werden …«
 
Kernsatz: Unsere Methoden sind gerecht und gut, nur halt in ihrer Form nicht so tauglich. Das wird nicht von allen so gesehen, sondern lediglich von der versprengten Schar »mancher«.
 
»… und entschuldigen uns …«
 
Ich frage mich immer, wie das gehen soll. Glücklich der Mensch, der seine Schuld und ihre Konsequenzen einfach ablegen kann wie einen Bademantel. »Entschuldigen« bedeutet: Wage es nicht, Konsequenzen für mein Tun zu verlangen. Denn ich habe Distanz zwischen mich und das Schuldhafte gebracht!
 
»… bei denjenigen, die sich …«
 
(Sind ja nur ein paar.)
 
»… möglicherweise persönlich verletzt fühlen. …«
 
Möglicherweise … obwohl alles an uns so GUT, so EDEL ist! Der Mensch, das flatterhafte Wesen, steckt doch so voller Mißverständnisse.