Reformwünsche eines Drahtesels

Heute war ich mit dem Fahrrad unterwegs. Ich habe es nicht bereut: Der Südring hatte nur eine Spur frei, die Fleher Straße war gesperrt, Volmerswerther und Aachener Straße völlig dicht. Sogar die Wohnstraßen dazwischen waren verstopft. Nichts, wirklich nichts ging mehr. Als Radfahrer konnte ich die wartenden Kollegen huldvoll grüßen und hoffnungsvoll dem Ziel entgegenstrampeln.

Auch in der Kirche wird mitunter das Bild vom Reformstau bemüht. Darin kommt die Kirche nicht von der Stelle, tritt sich selbst auf die Füße, verbraucht Sprit, verpestet die Luft, hält die Leute auf: Nichts geht mehr. Wenn es doch anders wäre! Wenn doch die Kirche demokratischer wäre! Oder spiritueller! Oder noch ein wenig von ihrem alten, barocken Glanz hätte! Oft stehen völlig entgegengesetzte Vorstellungen im Raum, wie Kirche sich zu ändern habe, damit sie wieder glaubwürdig sein kann. Und viele sind sehr plausibel.

»Ihr steht nicht im Stau, ihr seid der Stau«

Wer lange im Stau wartet, kann versucht sein, die Wartezeit den anderen Autofahrern zuzuschreiben, oder den Stau als eine soziale Naturgewalt zu sehen, der man sich selber zähneknirschend unterwirft. Tatsächlich bin ich aber auch Verursacher.

Genauso kann ich es dem »Bodenpersonal« in die Schuhe schieben, wenn ich beginne, an Gott und der Welt zu zweifeln. Mit denen hapert es dann. Ich selber bin fein raus, denn ich stehe ja im Stau. Ich kann nur darauf warten, dass es weitergeht. Hier kommt dann der Drahtesel ins Spiel. Denn das erste Wort, das Jesus laut Markusevangelium an die Menschen richtet, lautet nicht »Verbessert die Umstände!« sondern »Kehrt um« oder vielleicht auch »Denkt um!«

Wenn es also mit dem Glauben nicht so rund läuft, kann es sein, dass der eigentliche Reformstau nicht außerhalb meiner selbst liegt, sondern in mir. Dass ich keine Reformationsfeierlichkeiten und keinen Gegenreformatorischen Eifer benötige, um Gott neu zu finden, sondern einfach nur einen Wechsel des Verhkehrsmittels.

Ab jetzt kann ich mir nur wünschen, es wären wenigstens einige der folgenden Reformvorschläge von meiner Lebenswirklichkeit gedeckt. Aber ich behaupte einfach, es seien die Reformwünsche meines Drahtesels. Dann sind sie vielleicht besser zu ertragen.

Reformwunsch 1
Ich wünsche mir, Jesus Christus besser kennenzulernen. Ich muss beginnen, die Frage nach dem Sohn Gottes existentiell zu stellen. Jesus selber hat seine Jünger gefragt: »Für wen haltet ihr mich?« Vielleicht muss ich es aushalten, die Frage nicht so schnell und so eindeutig beantworten zu können, wie es Petrus damals tat. Weiterfragen. Und wissen: Ich bin mit dieser Frage nicht allein.

Reformwunsch 2
Stille in meinem Leben schaffen. Es gibt den Raum in meinem Leben, der schweigendes Schauen und angeschaut werden ist. Jeder kennt diesen Moment im Gebirge, oder im Verhallen eines Chorstücks. Vielleicht finde ich am Tag wenige Minuten, in denen ich es aushalte, dass sich nichts ereignet, und ich einfach nur in die vermeintliche Leere »hineinwarte«.

Reformwunsch 3
Dem Wort Gottes Raum geben. Eine kurze Schriftstelle aus der Liturgie zu lesen und einen einzigen Satz auswählen, notieren und mit in den Tag nehmen.

 

(Der Artikel erscheint in: bon-i-d; Magazin der Pfarrgemeinde St. Bonifatius, Düsseldorf. Thema des Heftes: Reform)

 

 

 


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