»Das muß jeder für sich selbst entscheiden« oder das Paradox der Selbsterfindung.

Da begegnet mir die Aussage: »Ob ich ein Kind zur Welt bringe oder abtreibe, das muß ich letztlich für mich selbst entscheiden.«
160115_abgeschrieben

Ich habe für mich entschieden, daß ich noch einmal Mandarinen einkaufe. Ich habe für mich entschieden, daß ich mit dem  Hund eine Abendrunde auf dem Deich gehen werde. Ich habe für mich entschieden, Französisch statt Griechisch zu wählen, Grafik-Design zu studieren, irgendwann auch, nicht mehr in der Mensa zu essen.

Das kann ich für mich entscheiden.

Schon die Frage, wen ich heirate, kann ich nicht mehr »für mich« entscheiden. Auch ob ich Lieselotte und Hubert als Eltern wollte, war nicht durch meine Entscheidung zu klären.

Es gibt Dinge, die kann ich für mich entscheiden; und es gibt Dinge, die kann ich nicht für mich entscheiden.

Wenn sie in der Vergangenheit liegen, kann ich sie nicht für mich entscheiden. Sie sind dann bereits entschieden.

Wenn ein anderer von meiner Entscheidung betroffen ist, KANN ich zwar für mich entscheiden, SOLL es aber nicht. Wenn ich für mich entscheide, daß ich meine Mandarinen einfach mitgehen lasse, bin ich ein Dieb.

Wer behauptet, über ein ungeborenes Kind »für sich entscheiden zu können«, hat also niemals über Sprache oder über das Leben nachgedacht.

Dazu kommt noch ein vollkommen absonderliches Freiheitsverständnis, das hinter der Annahme steckt, wir könnten »für uns« in Hinsicht auf andere entscheiden.

Wenn Freiheit bedeutet, mich in jedem Augenblick gleichsam neu erfinden zu können, oder einfach ungebunden tun zu können, was ich will, dann ist klar, warum ich bei genauerer Betrachtung meiner Möglichkeiten zur Einsicht finde, wirkliche Freiheit gebe es nicht. Ich bin determiniert. (»Seit ich im Kindergarten allein gelassen wurde, kann ich nicht mehr ohne weiteres vertrauen.«)

Aber Freiheit bedeutet nicht Bindungs- und Voraussetzungslosigkeit, sondern sie bedeutet,

NICHT TUN MÜSSEN, WAS ICH TUN SOLL.

Es ist die Illusion der Selbsterfindung, die uns heute annehmen läßt, es gäbe Dinge, die wir irgendwie von ihrer Ausprägung auf das eigene Gewissen bis hin zur Ausführung selber »für uns« entscheiden können. Wir sind Souverän, Richter und Polizist in eigener Person in Hinsicht auf das eigene Gutdünken und Tun.

Das ist aber nicht Freiheit; das ist Willkür.


Kommentare

»Das muß jeder für sich selbst entscheiden« oder das Paradox der Selbsterfindung. — 1 Kommentar

  1. >>Aber Freiheit bedeutet nicht Bindungs- und Voraussetzungslosigkeit, sondern sie bedeutet, nicht tun müssen, was ich tun soll.

    Sorry, ich halte es ganz klassisch (kann jetzt das Zitat nicht finden):

    Die Möglichkeit, sich zur Sünde zu entscheiden, hat etwas von der Freiheit, aber sie ist nicht das Wesen der Freiheit.

    (Das ist dann doch ganz wesentlich die Möglichkeit, sich zwischen mehreren erlaubten Dingen zu unterscheiden. Das moralisch Unerlaubte ist für physisch unmöglich zu halten.

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